Ein Platz für die Seele

Von Kai Schaede

Architekten glauben meist, dass Architektur etwas Wichtiges sei (das ist sie auch, wie wir im weiteren Verlauf erfahren werden). Für viele andere Leute sind Häuser jedoch einfach teuer, und für sie ist das einzige was im Grunde zählt, das, was innerhalb der Gebäude vor sich geht.

Diese Leute glauben, dass ein guter Lehrer (oder Handwerker, Geschäftsmann, Mutter usw.) in einer hässlichen Hütte, Baracke oder in einem Hochhausblock immer noch besser sei als ein schlechter Lehrer in einem wunderschönen Haus. Die meisten Menschen sind jedoch weder brillant noch hoffnungslos unbegabt, sondern mittelmäßig und brauchen Unterstützung. Aber - wie kann eine Baracke einen durchschnittlichen Lehrer unterstützen?? Anders gefragt: wie gut kann dort letztlich der Unterricht sein?

Kinder verhalten sich je nach Umgebung unterschiedlich, selbst wenn sie noch in einem Alter sind, in dem sie kein ästhetisches Interesse an ihrer Umgebung zeigen. Auch Erwachsene fühlen, denken und verhalten sich je nach Umgebung unterschiedlich; zwar mögen ihre Handlungen mehr der bewussten Kontrolle unterliegen, ihre Lebenseinstellung, ihre Empfindsamkeit und ihre geistige Beweglichkeit werden dennoch auch von der jeweiligen räumlichen Umgebung beeinflusst. Ich frage mich manchmal, welche Qualitäten und Empfindsamkeit meine Werke hätten, wenn ich in einem Raum arbeiten würde, wie er für sehr viele Leute üblich ist... in einem ungemütlichen, rechtwinkligen, glattverputzten, gleichmäßig ausgeleuchteten Raum mit glänzenden Oberflächen zum Beispiel.

Viele Menschen glauben, dass künstlerische Fähigkeiten angeboren seien. Ich bin jedoch der Überzeugung, dass der ausschlaggebende Faktor für Kunst Einfühlsamkeit ist! Ästhetik hat viel weniger mit Geld als mit Sorgfalt zu tun, wobei Sorgfalt allerdings Zeit kostet. In unserer Welt bedeutet Zeit Geld, und ein Gebäude ist umso billiger, je weniger Sorgfalt für die Planung, die konstruktive Ausführung und für seinen Unterhalt aufgewendet werden muss. Da jedoch nur wenige Menschen billig aussehende Häuser mögen, wird das Erscheinungsbild üblicherweise „aufgewertet“, z.B. durch Ziegelsteinverblendungen, furnierbeschichtete Sandwich-Türen und Möbeln aus Spanplatten mit hochglänzenden Oberflächen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Wir bauen immer schneller eine Welt, in der statt Sorgfalt das Gebot der Profitmaximierung herrscht - nur notdürftig überdeckt durch den Einsatz scheinbar wertvoller Materialien. In solchen Umgebungen verbringen die meisten Menschen einen Großteil ihrer Zeit. Und dort wachsen Kinder auf, deren Wertvorstellungen, die sie in ihr späteres Leben übernehmen, schließlich nicht nur von den Menschen, sondern auch durch ihre räumliche Umgebung geprägt werden.

Viele Leute sind mit moderner Architektur unzufrieden. Geben bei alten Gebäuden konstruktive Schwachstellen wie z.B. Feuchtigkeit Anlass zur Klage, so sind es bei Neubauten vor allem Umweltfaktoren wie z.B. Anonymität. Die allermeisten Menschen denken nicht über Archtektur nach, aber viele fühlen sie. Diejenigen, die nichts empfinden, machen mich traurig, ihre ästhetischen Gefühle sind abgestumpft, ja vielleicht sogar völlig ausgelöscht - und dazu hat gerade die Architektur viel beigetragen.

Wir sehen bei anderen Menschen viel eher als bei uns selbst, wie schnell wir bereit sind, negativ, kritisch und voreingenommen zu sein, Dinge falsch einzuschätzen und ungerechte Urteile abzugeben. Es war für mich eine wunderschöne Erfahrung, als ich in den letzten Wochen und Monaten hier im Ort ein kleines Haus baute, ausstellte und Leute, von denen ich es niemals erwartet hätte, mir für dieses Haus Lob aussprachen. Bauern, Zimmermannsleute, Fabrikarbeiter, Postbeamte, die am Haus vorbeigingen, fragten, ob sie es sich genauer anschauen dürften, und drückten dann ihre ehrliche Wertschätzung aus. Viele dieser Leute wohnen in einem eckigen „Schuhkarton“ bzw. wollen es gerne. Mir wurde dabei klar, dass diese Wohnform für viele Menschen nur deshalb erstrebenswert ist, weil sie sich nichts anderes vorstellen können.

Diese Scheuklappendenkweise prägt nicht nur, sondern ist gleichzeitig auch selbst geprägt von einer gewinnorientierten Bauindustrie und anderen, die üblicherweise Bedürfnisse manipulieren, etwa Hersteller von Wohnungseinrichtungen. Andererseits wird die Architektur durch persönliche Neuerungsbestrebungen mitgeprägt. Eine Tendenz, durch Architekturzeitschriften verstärkt, die Gebäude gerne als dramatische (und meist unbewohnte) Objekte darstellen. Dabei sind solche Gebäude oft nicht auf die Nutzungsbedürfnisse ihrer Bewohner zugeschnitten. Es scheint, als ob Zeitschriften einen größeren Einfluss auf Architekturstudenten haben als ihre Professoren, egal wie gut oder schlecht sie sind.

Die Bilder in den Zeitschriften wirken, wie sollte es anders sein, auch auf praktizierende Architekten. Zumindest auf einige. Das Bewusstsein, dass sie mit ihren Bauten unterstützen - ein in Materie umgesetztes Bewusstsein, das stark auf Wirkung ausgerichtet ist - hat jedoch nichts damit zu tun, Lebensraum für Menschen zu schaffen.

Kein Wunder, dass mit der Architektur etwas nicht stimmt! Sie kann dazu führen, dass sich Menschen krank fühlen und krank werden, und wir können sogar, zumindest theoretisch, einigermaßen die biologischen Konsequenzen abschätzen. Allerdings sind die Zusammenhänge nicht ganz einfach, denn nicht jeder wird durch das Einatmen von Radon, Formaldehyd oder Schimmelpilzen krank - es kann, aber muss nicht sein.

Gehen sie einfach offenen Auges durch ein normales Krankenhaus. Also... ich fühle mich nach höchstens einer halben Stunde halbtot... diese rechteckigen, gleichförmigen, nach Kunststoff und Desinfektionsmittel riechenden, neonbeleuchteten, überheizten Flure! Und die brutale Zerstörungswut, mit der viele dieser Gebäude uneinfühlsam in die Landschaft gesetzt werden, kann die gleiche Wirkung erzeugen.

Architektur ist imstande, Vitalität zu dämpfen oder sogar zu zerstören - und das bezieht sich nicht nur auf unsere feinere Wahrnehmung, sondern auch auf unser Freiheitsgefühl. Manche Orte vermitteln einem das Gefühl, unfrei und bedeutungslos zu sein anstatt ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft; an anderen Orten wiederum türmen sich Gebäude bedrohlich über unseren Köpfen. Die Wirkung ist meist jedoch subtiler und erst in letzter Zeit finden die sozialen und psychologischen Auswirkungen einer sterilen, strengen und unfreundlichen Architektur in der Allgemeinheit eine stärkere Beachtung.

Vor über 60 Jahren behauptete Rudolf Steiner, dass Verlogenheit und Kriminalität in der Welt Hand in Hand gingen mit der Abwesenheit von Kunst. Und aufhören würden, wenn die Menschen von lebensfördernden architektonischen Formen und Räumen umgeben wären. Als ich das zum ersten Mal hörte, dachte ich: „was für ein kleinbürgerliches Geschwätz“. Schliesslich sind die Ursachen von Kriminalität komplex und sozio-ökonomische Unterprivilegierung spielt dabei eine wichtige Rolle.

Wenn wir jedoch den kommerziellen Missbrauch von Mensch und Umwelt miteinbeziehen und erkennen, dass wir nicht über unvermeidbare Schicksale sprechen, sondern über Tendenzen, wird verständlicher, was Steiner meinte. Tiere reagieren instinktgemäß auf Anreize in ihrer Umgebung, Menschen haben dagegen die Fähigkeit, mit Situationen auf unterschiedliche Art umzugehen. Um über die Ebene unwillkürlicher Reaktionen hinauszuwachsen ist allerdings Bewusstsein notwendig. Nun wird keiner von uns jemals imstande sein völlig bewusst zu leben. Deshalb reagieren zwar nicht immer alle, aber viele Menschen vorhersagbar.

Architektur hat so starke Auswirkungen, dass die Art und Weise, wie wir mit ihr umgehen, von großer Bedeutung ist - wirklich, von großer Bedeutung!

Das haben wir uns hinter die Ohren geschrieben und versuchen mit all unserer Vorstellungskraft, mit nicht enden wollender Phantasie und Einfühlungsvermögen in jeder Hinsicht einen Platz für Ihre Seele zu schaffen.

zurück

Casa Kaiensis

Wer wir sindWas wir tun



© Casa Kaiensis 2010-2017

Media

FotosVideos

Social Network

FacebookYouTube