Vom Sinn der Schönheit (für Fortgeschrittene)

Von Kai Schaede

Wenn wir herauszufinden versuchen, was das Wesen der Dinge ist und wie und warum diese Dinge uns berühren, so ist leicht festzustellen, dass allen universellen und deshalb tiefgründigen Erfahrungen bestimmte Gesetzmäßigkeiten zugrunde liegen. Damit Dinge eine heilsame Wirkung entfalten können, müssen wir unsere Sinneswahrnehmung weiten und lernen, mit diesen Gesetzmäßigkeiten _kunstvoll_ umzugehen. Was aber ist Kunst?

Dichtung - so wurde mir der Begriff einst umschrieben - sei etwas, das die Haut beim Lesen prickeln ließe. Das kommt meiner Definition von Kunst sehr nahe - die Erfahrung von etwas, das verändert, eine innere Bewegung in Gang setzt. Medizinische, psychische und spirituelle Heilung beinhaltet Prozesse, bei denen etwas von außen an den Patienten heran gebracht wird, so dass sie oder er einen Entwicklungsschritt vollziehen kann. Es ist ein Prozess des Befähigens, nicht der Manipulation, ebenso wie Heilen etwas anderes ist als eine medizinische, psychiatrische oder ideologische „Behandlung“... es ist immens wichtig zu unterscheiden!

Bei den meisten Künsten - sei es bei der Malerei oder beim Musizieren, aber auch beim Kochen oder Gärtnern - geht es darum, Materie zu veredeln. In diesem Sinne ist Kunst das, was der Materie Geist einhaucht. Und es ist dieser Geist, den der Nutzer im Unbewussten fühlt und der einen heilenden Einfluss entfalten kann. Wie lassen sich nun universelle Gesetzmäßigkeiten in Kunst umsetzen?

Bedauerlicherweise scheint es nicht auszureichen, nur gute Absichten oder ein theoretisches Verständnis der Dinge zu haben. Gute Absichten bleiben so lange abstrakt, wie sie sich nicht in Taten und Produkten ausdrücken; auf der anderen Seite erzeugt plumpes Handeln Disharmonie und hebt die guten Absichten auf, obschon sie durch künstlerische Arbeit in Materie eingebettet werden könnten.

Als ich meine Ausbildung beendet hatte, erlebte ich bei vielen meiner Kollegen, deren Ideale ich bewundert hatte, wie sie diesen untreu wurden, da sie ihrer Meinung nach in der „realen Welt“ nicht mehr zu halten waren. Wie schade, denn gute und ehrliche Ideale sind in hohem Maße nutzbar, ja, sie verlangen danach, praktisch und künstlerisch umgesetzt zu werden - egal, wie unmodern sie erscheinen mögen!

Es ist notwendig, einen Sinn für Schönheit und für das Künstlerische zu kultivieren! Ich sage mit Absicht „notwendig“, da unsere Kultur die Tendenz hat, diesen Sinn zu unterdrücken. Und ich sage „kultivieren“, da jeder Mensch einen Sinn für Schönheit in sich trägt, den es zu entwickeln gilt.

Der Sinn für Schönheit war früher so ausgeprägt, dass in der vorindustriellen Gesellschaft selbst ganz gewöhnliche Menschen keinen Löffel, kein Fuhrwerk, kein Boot, kein Haus herstellten, der/das hässlich aussah. Hätten sie es getan, wäre es ein Verbrechen wider sich selbst gewesen. Alles - vom Ernten des Getreides, vom Segnen der Mahlzeit bis zum Schnitzen eines Stuhles - war ein Akt der Dankbarkeit für die Schöpfung Gottes, eine künstlerisch befriedigende Handlung. Alles was Menschen für das tägliche Leben herstellten oder taten war grundsätzlich funktional. Sie hatten weder Zeit, Energie noch Raum, irgendetwas herzustellen, das keinen praktischen Zweck hatte. Schönheit und Nützlichkeit waren untrennbar miteinander verbunden.

Heute treffen wir genau das Gegenteil an. Schönheit und Nützlichkeit werden allgemein als völlig getrennte Werte betrachtet. Wir alle brauchen nützliche Dinge; Schönheit wird als ein Genuss betrachtet, der nur am Rande die wichtigsten Belange unseres Lebens streift.

Wir sind heute in der Lage, große Mengen herzustellen - unnötige Mengen - wobei Qualität erst in zweiter Linie eine Rolle spielt. Im 18. Jahrhundert war es üblich, dass das Publikum während eines Konzertes seinen Tränen freien Lauf ließ... heute werden Gefühle nicht selten einfach durch Lautstärke „hervorgelockt“. Wir haben nichts dagegen, Geld zur Verschönerung von Freizeit- und Erholungseinrichtungen auszugeben, aber Arbeitsstätten und andere Orte praktischen Tuns müssen vor allem und in erster Linie nach Aspekten von Nützlichkeit gestaltet werden. Dem liegt eine zwiespältige Auffassung zugrunde: wenn das halbe Leben, das Arbeitsleben, so effizient und unschön wie möglich verbracht wird, dann sollte die andere Hälfte so uneffizient und schön wie möglich gestaltet werden. (diese Ambivalenz ufert in der heutigen allgemein gültigen Einschätzung, dass das wirkliche Leben erst in der Freizeit anfängt - wer sehnt sich nicht schon des Montags den kommenden Freitag herbei, dem das langersehnte freie Wochenende folgt?! Diese Einschätzung ist so trügerisch wie falsch, denn das wahre Leben findet auch während der Arbeitszeit statt! Würde es uns gelingen, das Bewusstsein der Gesellschaft in diese neue (alte) Richtung zu lenken... denken Sie, während Sie nun darüber sinnieren was passieren könnte, dabei nicht zuletzt auch an prosperierende Wirtschaftskraft)

Die Behauptung, dass praktische und ästhetische Maßstäbe einen Widerspruch bilden, lässt sich nur mit gehöriger Beschränktheit aufrecht erhalten: das Praktische muss quasi für Geldgeschichten herhalten und Ästhetik für den Selbstausdruck, den man sich gönnt. Nehmen wir jedoch die Beziehung wahr, die zwischen Ästhetik und Gesundheit existiert, lässt sich die Trennung von Nützlichkeit und Schönheit nur als ungesund und kleingeistig einstufen!

Heute ist es unmöglich, zu vorindustriellen Werten zurückzukehren, da diese meist weitgehend unbewusst und gewohnheitsmäßig überliefert gelebt wurden. Die formale Ausprägung dieser Werte geschah meist stereotyp und ihre innere wie äußere Reichweite war recht beschränkt. Wenn wir uns heute dazu entscheiden, Nützlichkeit und Schönheit als untrennbar zu betrachten, dann können wir dies zum Glück mit größerem, verbindlicherem Bewusstsein tun. Wir können die Ausrichtung unserer künstlerischen Arbeit bewusst so wählen, dass sie den Gegebenheiten angepasst ist und nicht einfach nur einer persönlichen Neigung entspricht.

(mein Büro ist, als Raum betrachtet, ein stiller Ort, obwohl dort geredet wird. Ohne Möblierung wirkt er nicht bedrückend leer, sondern friedlich in sich ruhend. Es ist ein Büro, das eher einer kleinen Kirche gleicht als einer Fabrik - und das ist beabsichtigt, denn ich möchte, dass die dort getane Arbeit ein wenig von jener Würde hat.

Wenn wir Arbeit als etwas betrachten, das Materie zu Nahrung für den menschlichen Geist veredelt, dann brauchen wir Arbeitsplätze mit einer solchen Atmosphäre. Ich denke an die Werkstätten der Zimmerleute in einer Zeit, als sie noch nicht wie heute Orte großer Angespanntheit waren, bedingt durch ein Arsenal gefährlicher Maschinen. Sie waren zwar keine Orte der Stille, denn es gab dort zu viele interessante Dinge zu sehen - aber es waren Orte, die magische Ehrfurcht auslösten.

Wie wird am Ende wohl eine Welt aussehen, die in oberflächlichen Schnellverfahren in Büros erdacht und in lärmenden Fabrikhallen auf Fertigungsstrassen, bestehend aus toten, bedrohlichen Maschinen, erschaffen wird?)

Wie ist es eigentlich mit dem Hafen der Ruhe bestellt, wenn wir nach Hause kommen und das innerste Refugium ist voll von mechanischem Lärm - vielleicht läuft der Fernseher oder die Geschirrspülmaschine? Wie können wir die nächtliche Erholung in den nächsten Tag hinüber nehmen, wenn wir vom Radiowecker geweckt werden? Ich spreche hier nicht nur über menschliche Angewohnheiten, sondern von Räumen, die Lärm brauchen, weil wir uns sonst in ihnen unwohl fühlen. Viele Häuser, viele Räume haben Lärm nötig!

Wenn wir dagegen versuchen, Orte zu schaffen, wo Menschen gesund leben können, Orte, die uns stärken statt schwächen und uns wachsen statt welken lassen, dann müssen dies Orte sein, wo Stille ein willkommener Gast ist, so dass sie ihre heilenden Kräfte für all unsere Sinne entfalten kann.

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